Nicht göttlicher als andere Übel

[aus ZAK 26] Fallsucht, Grand Mal, Heilige Krankheit: Das Rätsel der Epilepsie ist ungelöst

„Das Wesen der Krankheit ist so dunkel als das Wesen des Lebens“. Der Satz von Novalis steht dieser Epilepsie-Anthologie voran. Es ist wahr, bei keiner Krankheit sonst wird für den anderen so augen­fällig, dass der Betroffene anfalls­weise von fremden Mächten er­griffen wird. So muß es scheinen, daher die Rede vom Morbus sacer, der heiligen Krankheit: Nicht selbst verursacht ist sie, nicht simuliert, sondern „jemand“ hat einen ge­packt. Für die Epilepsieforschung, für das Verständnis und die Thera­pie dieser Krankheit bedeutet es eine immense Schwierigkeit, dass etwas, was in der Tradition das „ganz andere“ ist, einen Menschen ergreift. In der Antike bedurfte es des Mutes der Dämonenaustreiber, um den vermeintlich Besessenen zu „heilen“.
Dieses Verfahren blieb jedoch immer zwiespältig, denn es hieß, nur der Oberste der Dämonen könne sie auch austreiben. Bekanntlich war Jesus in seinen Anfängen Spezialist darin, Dämo­nen auszutreiben. Und da er nicht zu den obersten Dämonen gezählt werden wollte, sollte diese Tätig­keit geheim bleiben, und er verbot den Jüngern, davon zu erzählen. Um der „heiligen Krankheit“ nicht nur ehrfurchtsvoll zu verfallen, son­dern die „Natur“ in ihr zu sehen, bedurfte es des „Mutes“. Den zeig­ten die frühen Ärzte. Ein ganz er­staunliches Zeugnis der griechi­schen Aufklärung ist eine Schrift aus dem Corpus Hippocraticum, verfaßt um 400 vor Christus. Der Autor – es ist nicht ganz gesichert, ob Hippokrates selbst oder einer seiner Anhänger – schreibt über die so genannte heilige Krankheit: „Um nichts halte ich sie für göttlicher als die anderen Krankheiten, sondern sie hat eine natürliche Ursache wie die übrigen Krankheiten.“
Dieser rationale Zugang hat seine Nachfolge in der heutigen Medizin. Sie macht möglich, dass die großen, dramatischen epileptischen An­fälle viel seltener geworden sind. Die Antiepileptika sind heute ziem­lich genau zu dosieren. Wenn es aber doch zum Anfall kommt – etwa weil die Betroffenen ausprobieren wollen, ob sie vielleicht schon ge­heilt sind oder zumindest weniger Medikamente brauchen und deren Einnahme aussetzen – dann bleibt er so unheimlich wie eh und je. Die naturwissenschaftliche Be­gründung erklärt die Phänomene nicht weg, und der Eindruck, den sie außerhalb der Klinik machen, ist heute kaum anders als in frühe­ren Zeiten. Hier stößt also alle Auf­klärung an ihre Grenzen. In Schulklassen mit Epileptikern werden die Schüler alle zuvor auf­geklärt – wenn dann plötzlich ein Anfall hereinbricht, ist der Schrecken indes nicht weniger groß als bei den Nichtaufgeklärten. Und bis heute gibt es keine einheitliche Erklärung der Epilepsie. Es gibt Muster der Anfälle, aber keine Kausalerkenntnis. In der literarischen und histori­schen Überschau über die Krank­heit, die Friederike und Hans Dierck Waller und der Medizin­forscher Georg Marckmann her­ausgegeben haben, findet dieses Unerklärliche, der „Griff von Mäch­ten“, der die Autonomie aussetzt, seinen gebührenden Platz. Und doch wird hier nichts zum Morbus sacer zurückverherrlicht. Vielmehr wird der Gang dieser Anthologie durch die Literatur von der Epilep­sie zu einem Gang durch die Geschichte der Entfremdung des Menschen. Denn, um extreme Ent­fremdung handelt es sich, wenn ein Mensch so sehr der Kontrolle über sich selbst beraubt ist, dass er sich im Extremfall die Zunge abbeisst.
Dies zeigt sich etwa bei Thomas Mann, dessen Felix Krull in einer berühmten Szene den Anfall vor­täuscht, als er zum Militär ein­gezogen werden soll. Hier ist es Simulation, steht aber sozusagen auf einem Neigungsfundament. Bei seiner „Performance“ vor der Musterungskommission kommt ihm zu Hilfe, dass er schon einmal mit Erfolg simuliert hat – als er, der nicht Geige spielen kann, den klei­nen Wundergeiger gemimt hat. Thomas Mann will zeigen, dass etwas von dieser Art Betrug in der Figur des Artisten steckt. Vielleicht macht der Gebrauch der Epilepsie durch Felix Krull auch etwas von der mittelalterlichen Abwehr gegen sie – als Strafe für Sünder – ver­ständlich: In einem Trugmanöver hatte Satan einen Menschen ergrif­fen, und deshalb verteufelte man die Krankheit selbst. Die Aura des Schreckens bleibt Große Autoren haben die Heraus­geber als Zeugen aufgerufen: Aischylos, Platon, Plutarch, Bibel und Koran, Hildegard von Bingen, Dante, Shakespeare, Stendhal, Joseph Roth, Elsa Morante und viele andere. Für all diese Stimmen gilt, dass sie der Krankheit den Schrecken nicht ausgetrieben haben. Die Epilepsie behält trotz aller medizinischen Entzauberung eine Aura – ein Begriff übrigens, der gewissermaßen aus dem Her­zen der Epilepsie stammt. Dostojewski, selbst Epileptiker und Schöpfer unvergesslich literari­scher Epileptiker – des Fürsten Myschkin im „Idioten“ und des Mörders Smerdjakow in den „Brü­dern Karamasow“ – soll die den Krampfanfällen vorausgehenden Glücksgefühle der Aura sehr ge­nossen haben.
Hier sind wir an einer Nahtstelle zu unbewussten Wünschen, psychogenen Ursachen.
Schon Freud grübelte über den Zusammenhang zwischen hysteri­schen und epileptischen Formen. Auf die Spitze getrieben wird die extreme Entfremdung von Inge­borg Bachmann in ihrem Monolog des Fürsten Myschkin zu der Bal­lettpantomime „Der Idiot“, wo das Außersichsein zugleich zu einem Wahrheitsmenetekel gemacht wird.
Wer Epilepsie so sehr symbolisch nimmt, ist natürlich in Gefahr, sie zu einer Heiligsprechung der Entfremdung zu stilisieren. Zur Begegnung dieser Gefahr haben die Herausgeber den Band mit Ein­leitungen versehen, die der Wallers zeichnet die literarischen Gesichter der „Heiligen Krankheit“ nach, Marckmanns befasst sich mit medizinischen und sozialpsycho­logischen Aspekten. Das Ergebnis ist eine kundig eingefasste Zusam­menstellung menschlicher Extremzustände, zu der mit viel Gewinn keineswegs nur Fachleute oder Literaturforscher greifen können, sondern alle, die diesen Teil unserer Existenz nicht von sich weisen wollen.