Epilepsie als Diskriminierungsgrund

Epilepsie ist heute eine gut behandelbare Krankheit – und dennoch für viele Österreicher ein Diskriminierungsgrund. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage unter mehr als 2.000 Menschen hervor.

Nur 80,4 Prozent der Österreicher sind demnach etwa für die schulische Integration von Kindern mit epileptischen Anfällen.
Und lediglich 47,8 Prozent hätten ausdrücklich nichts dagegen, wenn ihr Kind einen Partner oder eine Partnerin mit dem Anfallsleiden heiraten würde.
Die Umfrage wurde am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien vorgestellt.

Auch im 21. Jahrhundert belastet mit Missverständnissen
Die Epilepsie ist auch im 21. Jahrhunder belastet mit Mythen und Missverständnissen.
Die meisten Epileptiker sind von normaler Intelligenz und voll integrierbar. Epileptiker waren unter anderen Leonardo da Vinci, Vincent van Gogh oder Julius Caesar“, sagte Univ. Prof. Dr. Bruno Mamoli vom Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien.

Bis zu 70.000 Österreicher betroffen
Laut internationalen Studien sind 0,5 Prozent bis 0,8 Prozent der Bevölkerung von dem Anfallsleiden betroffen. Das sind in Österreich 35.000 bis 70.000 Menschen.
Fünf Prozent aller Menschen erleiden zumindest ein Mal in ihrem Leben einen solchen Anfall.
Die Epilepsie stellt unkontrollierbare Entladungen von Nervenzellen im Gehirn dar.
Mit „Geisteskrankheit“ hat das nichts zu tun.

Medikamente oder Operation können helfen
Die gute Nachricht laut Univ. Prof. Dr.Dr. Christoph Baumgartner von der Universitätsklinik für Neurologie am Wiener AKH:
„Man hat geglaubt, dass die Epilepsie eine unheilbare Krankheit ist. Das ist falsch.
Mit den modernen Medikamenten können heute 50 bis 60 Prozent der Betroffenen langfristig anfallsfrei werden, später oft auch ohne Medikamente.“
Bei vielen der therapieresistenten Fälle hilft eine Operation.

Umfrageergebnisse im Vergleich mit der Schweiz
Ein Vergleich der Ergebnisse der gleich lautenden Umfragen zu dem Thema in Österreich und in der Schweiz zeigt recht große Unterschiede, die zu Ungunsten Österreichs ausfallen:

  • In Österreich glauben rund zehn Prozent der Menschen, dass die
    Epilepsie eine Geisteskrankheit ist.
  • In der Schweiz sind nur vier Prozent der Befragten dieser Meinung.
  • Bedenken, dass die eigenen Kinder mit an Epilepsie leidenden
    Freunden spielen, haben elf Prozent der Österreicher, aber nur zwei Prozent der Schweizer.
  • 14 Prozent der Österreicher wären heftig dagegen, wenn ein Kind einen epileptischen Partner heiraten wollte. In der Schweiz sind das nur fünf Prozent.
  • Für die Integration von Kindern mit Epilepsie in die normale Schule sprechen sich in Österreich rund 80 Prozent der Menschen aus, in dem westlichen Nachbarland hingegen etwa 90 Prozent der Befragten.

Heirat überwiegend abgelehnt
Besonders vorurteilsbeladen reagieren die Österreicher offenbar, wenn es um die für sie privat wichtigen Dinge im Leben geht.
Baumgartner: „Nur 47,8 Prozent der Befragten beantworten die Frage, ob sie etwas dagegen hätten, wenn die eigene Tochter oder der eigene Sohn jemanden heiraten würde, der epileptische Anfälle hat, mit einem eindeutigen `Nein`.
Das ist ein dramatischer Befund. Wenn es ans `Eingemachte` geht, hat man offenbar besondere Reservationen.“

Mehr Integration in Schule und Arbeit
Dabei können die meisten Epileptiker von Kindheit an ein recht normales Leben führen, wie der Wiener Experte Bruno Mamoli bestätigt: „Wenn jemand vier Mal im Jahr einen Anfall von je zwei Minuten Dauer hat, ist er ja sonst das ganze Jahr völlig unbehindert. Das Problem der Epilepsie ist, dass sie extrem häufig soziale Wunden setzt.“
So können die meisten Kinder mit der Krankheit in eine normale Schule gehen.
Nur rund ein Drittel muss besonders betreut werden.
„Nur 15 Prozent aller Epileptiker können beruflich nicht integriert werden“, erklärt Eva Laich von der Abteilung für Neurologie am LKH-Steyr.

Unwissen bei Jugendlichen und alten Menschen
Vor allem bei Jugendlichen und alten Menschen vorhandenes Unwissen über die Erkrankung schädigt die Betroffenen. „Noch immer glaubt jeder fünfte über 70-Jährige und jeder zehnte unter 60-Jährige (in Österreich, Anm.), dass Epilepsie eine Geisteskrankheit ist“, so Mamoli.
Noch erschütternder: Jeweils rund 40 Prozent jener Menschen, die kein Wissen über die Epilepsie haben, sind gegen die Integration von Betroffenen in Freizeit, Familie, Schule und Arbeitswelt.

März 2004 Quelle:science.orf.at