Epilepsie in China

[aus ZAK 17] Auch in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) – auch Teile der TCM werden zu den Hu-moraltheorien gezählt — hat die Beschäftigung und Behandlung von Epilepsie eine lange Tradition. In den alten medizinischen Texten Chinas wurde Epilepsie ursprünglich mit „Wind“ in Verbindung gebracht.

Diese Ansichten wurden durch die Theorie ersetzt, daß zu viel Schleim das Herzsystem verstopft und so anfallauslösend wird. Den Schleim mittels bestimmter chinesischer Pharmaka abzuführen und die energetischen Bahnen wieder durchgängig zu machen, ist das Behandlungsziel von chinesischen Ärzten. Als mögliche Ursachen von Epilepsie gelten ins besondere Gehirnkrankheiten, vererbbare Störungen, emotioneller Streß und Geburtsdefekte, aber auch Kopfverletzungen, Geistbesessenheit, übelwollende Ahnengeister, Überarbeitung, Armut, großer Ärger und Schreck.

Neben Ärzten der TCM konsultieren Patienten auch verschiedene religiöse Heiler, z.B. taoistische Priester, buddhistische Meister, muslimische Imame und natürlich Vertreter der westlichen Schulmedizin. Blockade des Herzsystems mit Schleim gilt auch als Ursache für Psychosen, was Epilepsie in die Nähe von Geisteskrankheiten rückt. Die Vorstellung von Epilepsie als vererbbarer Krankheit, tut ein übriges für das starke Stigma von Epilepsie in China. Dessen negative emotionelle, finanzielle und soziale Auswirkungen betreffen dabei nicht nur Epilepsiekranke, sondern ebenso stark auch deren Familien.

In China wird der soziale und moralische Status einer Person unter anderem daran gemessen, zu welchen anderen Personen jemand Beziehungen hat; je angesehener die Verwandten, Freunde und Bekannten, desto angesehener ist auch die jeweilige Person. Beziehungen mit Personen von zweifelhaftem moralischen Status andererseits wirken sich negativ für die Person aus, welche diese Beziehungen unterhält. Jeder ist demnach bestrebt, unvorteilhafte soziale Beziehungen abzubrechen oder gar nicht erst einzugehen. Bei Verwandtschaftsbanden ist das nicht möglich; der positive oder negative Status eines Familienmitgliedes betrifft daher immer auch die übrigen. Langwierige Krankheiten — und hier im besonderen Epilepsie — werden sehr oft mit moralischen Verfehlungen des Kranken und/oder seiner Familie in Zusammenhang gebracht.

Deren negative Auswirkungen auf das Prestige einer Familie führen oft zu „Verlust des Gesichts“, vermindertem Selbstwertgefühl, großen Schwierigkeiten, einen Heiratspartner finden zu können, und ganz allgemein zum Ausschluß aller Familienangehörigen vom gesellschaftlichen Leben. Dazu kommen noch schwerwiegende finanzielle Schwierigkeiten. Diese rühren nicht nur von den oft kostspieligen Bemühungen um Heilung her, sondern auch daher, daß Epilepsiekranke ihre Tätigkeiten tendenziell auf ihren Haushalt beschränken, um einen Anfall in aller Öffentlichkeit zu vermeiden. Sie können daher gerade in bäuerlichen Gesellschaften, wo jede Arbeitskraft benötigt wird, kaum etwas zum Familieneinkommen beitragen. Der soziale Tod einer Familie wird nicht selten auch durch ihren finanziellen Ruin begleitet.

Nach diesem regionalen Überblick möchte ich abschließend noch einige allgemeine Überlegungen anstellen. Viele der hier vorgestellten Ideen und Praktiken in Bezug auf Epilepsie mögen sehr exotisch und unverständlich erscheinen. Besonders die oft als „magisch“ bezeichneten Vorstellungen etwa in Zusammenhang mit Hexerei, Schamanismus oder Ahnenglauben bedürfen für ein tiefergehendes Verständnis einer ein gehenden Auseinandersetzung. Das würde den Rahmen dieses Textes aber bei weitem sprengen. Wiederum andere Erklärungsmodelle und therapeutische Maßnahmen sind für uns wohl auch ohne breites Hintergrundwissen durchaus nachvollziehbar und erscheinen uns auf Anhieb als „rational“. Üblicherweise werden „magische“ Vorstellungen eher traditionellen als modernen Gesellschaften zugeschrieben, während „rationale“ Erklärungen modernen Gesellschaften, und hier besonders den Naturwissenschaften, vor behalten scheinen. Es zeigt sich jedoch fast durchwegs, daß solche „magischen und „rationalen“ Erklärungsmodelle hin sichtlich Epilepsie in ein und derselben Gesellschaft gleichzeitig und neben einander zu finden sind und sich weder notwendiger weise gegenseitig aus schließen noch widersprechen.

Daß epileptische Anfälle z.B. durch eine Kopfverletzung bei einem Unfall ausgelöst werden, ist eine Sache. Daß der Unfall jedoch möglicherweise durch Hexerei, einen bösen Geist oder einen übelwollenden Ahnen ausgelöst werden kann, ist eine andere Sache. Ähnliches trifft auch auf das Erklärungsmodell der westlichen Schulmedizin zu, nur daß an die Stelle von Hexerei oder Geisterglaube solch „magische“ Konzepte wie Schicksal, Unglück, Fehler der Natur, „genetische Disposition“ oder vielleicht Strafe/Probe Gottes treten. Erklärungen geben immer nur zu bestimmten Fragestellungen Auskunft, sind immer nur Erklärungen „bis auf weiteres“. Wenn andere Fragen gestellt werden, stoßen sie sehr schnell an die Grenzen ihres Erklärungswertes. Andere Fragen verlangen demnach auch nach anderen Erklärungsmustern.

Von zentraler Wichtigkeit ist daher, welche Fragen gestellt werden und welche Antworten von den Erklärungssuchenden gerade als befriedigend empfunden werden. Die Unterscheidung zwischen „magischem“ und „rationalem“ Denken ist demnach irreführend und wird der gesellschaftlichen Realität weder in traditionellen noch in industrialisierten Gesellschaften gerecht. Das bringt uns schließlich zur Frage nach der Wirksamkeit traditioneller Therapien gegen Epilepsie. Was die Anfallskontrolle im schulmedizinischem Sinne betrifft, so sind mir bisher keine schlüssigen Berichte bekannt, nach denen traditionelle Therapien Anfälle verhindern können. Auch hier gilt, daß diesbezügliche Forschungen erst am Anfang stehen. Von pharmakologischer Seite sind aber insbesondere von der ayurvedischen und der traditionellen chinesischen Medizin positive Ergebnisse zu erwarten. Wie dieser Text aber unter anderem zu zeigen versucht, ist Epilepsie – wie auch andere Leiden — wohl in allen Gesellschaften, mehr als lediglich ein körperliches Gebrechen.

Das Hauptproblem von Epilepsie im individuellen Körper zu lokalisieren und auch hier therapeutisch anzusetzen, ist nur eine Strategie, mit diesem Leiden umzugehen. Dies ist die vorrangige und was die Kontrolle von Anfällen betrifft, auch relativ erfolgreiche Herangehensweise der westlichen Schulmedizin. In traditionellen Gesellschaften werden Krankheiten jedoch oft in sozialen Beziehungen lokalisiert und nicht hauptsächlich in einzelnen Körpern. Anschuldigungen der Hexerei zwischen Ehefrauen eines polygamen Haushalts, zum Beispiel, haben in einigen afrikanischen Gesellschaften oft mit der ungerechten Verteilung des Familieneinkommens zwischen den Frauen oder mit Eifersucht zu tun. Moralische Verfehlungen als Ursachen für Krankheiten sind ein anderes Beispiel dafür, wie Krankheiten auf einer sozialen Ebene angesiedelt werden. Epileptische Anfälle sind dabei oft nur eine Art der Manifestation eines solchen sozialen Konflikts. Ebenso gut könnte er sich möglicherweise auch in anderer Form des Leidens zeigen. Nicht selten können solche Konflikte nur temporär gelöst werden und brechen nach gewisser Zeit immer wieder auf.

Als Hauptproblem von Epilepsie und damit als therapeutisches Ziel gelten demnach nicht die Anfälle an sich, sondern die damit in Zusammenhang wahrgenommenen sozialen Probleme. Heilrituale in traditionellen Gesellschaften sind meist keine privaten, sondern öffentliche Angelegenheiten, die zumindest die Familie des Patienten, aber nicht selten auch das ganze Dorf einschließen. Auf diese Weise wird eine Situation geschaffen, die es ermöglicht, andere Personen am ansonsten privaten Leiden eines Epilepsie kranken teilhaben zu lassen und ihnen ihre — im wahrsten Sinne des Wortes — „Betroffenheit“ und Mitverantwortung vor Augen zu führen. Im Leiden allein zu sein und Erfahrungen mit niemandem teilen zu können, ist gerade in westlichen Gesellschaften für Epilepsiekranke ein großes Problem.

Selbsthilfegruppen sind meist das einzige Forum für Epilepsiekranke und deren Angehörige, andere Betroffene kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Traditionelle Heilrituale bieten weiters die Möglichkeit, Diagnosen zu erstellen und Ursachen, Behandlungen und den möglichen weiteren Verlauf eines Leidens zu klären. Zuvor unverständliche traumatische Erlebnisse werden so in gesellschaftlich anerkannte und verständliche Sinngefüge eingebaut und damit „sinnvoll“ und besser handhabbar gemacht. Zu einer schlüssigen, von allen geteilten Diagnose zu gelangen, ist hierbei ebenso wichtig wie die Therapie selbst. Etwas benennen zu können, ist der erste Schritt, damit auf befriedigende Weise umgehen zu können. Bis zu einem gewissen Teil hat die Diagnose somit selbst schon therapeutischen Wert. Denn kaum etwas ist für chronisch Kranke schlimmer, als nicht zu wissen, was man hat, wie sich das Problem noch entwickeln kann und was man dagegen tun kann. Gerade in diesen Bereichen gelten traditionelle Heilsysteme als therapeutisch sehr wirksam.

Bernhard Hadolt
Der Autor ist Lehrbeauftragter für „Medical Anthropology“ an den Universitäten Wien und Innsbruck und beschäftigt sich unter anderem seit Jahren mit den soziokulturellen Aspekten von Epilepsie in Österreich.