Schlicht und einfach ein Wunderding

[aus ZAK 18] „Dein Gehirn kann mehr als du denkst“ – so das Motto des „Jahr des Gehirns“ das am 28. Jänner offiziell in Wien eröffnet wurde.

Erstaunliches Organ

Das Ziel: Information und Aufklärung über „unser wohl erstaunlichstes Organ“, wie es Univ.-Prof. Dr. Lüder Deecke, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Neurologie, nennt.
Das erstaunliche Organ wiegt zwar nur knappe 1,5 Kilo und macht damit etwa zwei Prozent des Körpergewichts aus, aber: Es benötigt 15 Prozent von der Blutmenge des Herzminutenvolumens (= gesamte Förderleistung des Herzens pro Minute), 25 Prozent vom Sauerstoff, den der Körper verbraucht und gar 70 Prozent des Zuckers.
Enorme Sicherheit In unserem Gesetzbuch ist verankert, daß die menschliche Persönlichkeit gestorben ist, wenn das Hirn gestorben ist. In den USA sei der Hirntod dem Tod des ganzen Menschen gleichgesetzt. Und weil das Leben des Individuums also ganz entscheidend von der Hirn-Funktion abhängt, ist das Gehirn auch mit einer Sonderausstattung versehen Zunächst einmal ist es sicher in einer harten Schädelkapsel verpackt, dann ist es in einem weichen Wasserkissen gelagert. Die Blut – Hirn – Schranke Zudem ist es durch die sogenannte Blut – Hirn – Schranke vom übrigen Körper abgeschottet und schließlich besitzt es auch noch eine autonome Durchblutungs – Regulation (es schafft sich selbst das entsprechende Blut heran). Noch nicht genug damit: Zusätzlich ist das Gehirn durch den Einbau eines erheblichen

Überflusses an Hard – und Software auf enorme Sicherheit gebaut. „Wenn also irgendwo eine Störung auftritt, hat man andere Hirnteile, die einspringen können und das nennt man Plastizität.“ 2,8 Billionen Schaltstellen Diese Plastizität sei das wichtigste Element für die Wiederherstellung im Falle einer Krankheit. „Angenommen unser Gehirn wäre so hart verdrahtet wie ein Computer und hätte nur das Nötigste“, schildert Deecke, „da genügte ein kleiner Fehler und schon crashed es. Das kann dem Gehirn nicht so leicht passieren, der Überfluß an Ausstattung gibt dem Gehirn die Chance zur Rehabilitation.“ Die „Ausstattung“ unter anderem: 28 Milliarden Nervenzellen, jede davon mit rund 100 Verbindungen, was in Summe etwa 2,8 Billionen Schaltstellen ergibt.
Das Gehirn steht an höchster Stelle einer ganz langen Evolution, die bei den niederen Tieren mit dem sogenannten Oberschlundnervenknoten angefangen und woraus sich allmählich das Gehirn entwickelt hat.
Im Reich der Tiere, wozu auch der Mensch gehört, gibt es noch andere Spezies mit einem Supergehirn, das so eine Faltung wie das menschliche aufweist, nämlich Wale und Delphine.
Ob sie allerdings ein Bewußtsein hätten, wie wir Menschen, sei nicht geklärt. Wiewohl man davon ausgehen müsse, daß auch höhere Tiere so etwas wie Bewußtsein besitzen.

Filter schützen das Gehirn
Ansonsten würden Myriaden von Sinneseindrücken ungefiltert auf den Menschen einstürmen und über seine Sinne ständig das Gehirn bombardieren. Man könne das Bewußtsein auch mit einem Scheinwerfer auf der Bühne vergleichen. Manchmal verfolgt der Scheinwerfer einen einzelnen Schauspieler, auf den sich die Konzentration dann lenkt. Der Rest der Bühne ist im Halbschatten, aber nicht ganz im Dunklen. Nicht bewußt sei vielen, daß das Gehirn nicht nur Sitz des Verstandes, sondern auch der Gefühle sei. Da gibt es einen eigenen Teil für Gefühle im Gehirn, das limbische System. Das ist sehr eng verbunden mit dem vegetativen Nervensystem. Schmerz – Wahrnehmung Auch der Schmerz sitzt letztendlich im Gehirn, konkret: die Schmerzwahrnehmung und -bewertung. Noch bevor der Schmerz aber zum Gehirn weitergeleitet wird, gelangt eine Meldung an das Rückenmark. Das heißt, wenn wir uns etwa in den Finger schneiden, wird ein blitzschneller Reflex gestartet und wir ziehen den Finger sofort weg, noch bevor wir überhaupt Schmerz empfinden. Bei der seltenen Krankheit Tabes Dorsalis (eine Art Rückenmarksschwund) verspüren die Betroffenen keinerlei Schmerz mehr. Eine Folge davon: Sie gehen so, daß sie im Laufe der Zeit alle Gelenke damit kaputt machen. Das führt zu grotesken und extremen Gelenksdeformierungen. Daran erkennt man, daß wir

automatisch gelenksschonend gehen. Auch eine der vielen Aufgaben des Zentralnervensystems. In diesem „Wunderding“ (Deecke) sind auch die motorischen Zentren (das primäre und das supplementäre) beheimatet. Sie sind die Substanzen, die unsere willentlichen Bewegungen planen und so vorbereiten, daß sie auch funktionieren.
In diesen Zentren findet sich auch das sogenannte „Bereitschaftspotential“. Prof. Deecke ist einer der Entdecker dieses Hirnpotentials, das ein Indikator für den Zustand der Hirnrinde ist und unseren Willkür-Bewegungen vorausgeht.
„Wenn man etwa nach einem Basketball – oder Dartspiel diverse Bewegungen als Treffer oder Fehler analysiert, werden Fehler ein anderes Bereitschaftspotential im Hirn zeigen wie Treffer“ Hirn – Messung und Sport Gemessen wird dies mittels EEG und MEG (Magnetoenzephalograph zur Messung und Sichtbarmachung magnetischer Felder im Gehirn). „Zuerst erhält man Daten über viele Bewegungen, dann kristallisieren sich Wellen heraus. Sind diese positiv, ist die Fehlerquelle höher. Bei einem stark negativen Potential wird es viel mehr Treffer geben.“ In der Ex-DDR hätte man das Bereitschaftspotential früher benützt, um Sportlernachwuchs herauszufinden. „Wiewohl sich das Hirnpotential bei ein und demselben Menschen ständig verändern kann.“
Prof. Deecke: „So bleibt das Wunderding Gehirn weiterhin eine harte Nuß für die Wissenschaft.
Ob sie diese jemals knacken wird?“