Epilepsie Dachverband Österreich Epilepsie
zur Sitemap Email Home
 
Epilepsie Dachverband Österreich
Karte Vorarlberg Tirol Tirol Salzburg Kärnten Steiermark Oberösterreich Niederösterreich Wien Burgenland
zum neuen Epilepsie-Forum
spacer Hilfe und Beratung für Menschen mit Epilepsie - EDÖ-Konto: PSK 92108240, BLZ 60000
spacer
Wie ein Gewitter im Gehirn Druckansicht öffnen
Am Wiener AKH hat man eine Substanz untersucht, die Epilepsie Anfälle unterdrücken kann. Zudem gibt es eine neuartige Operation.

Grössing-Soldan / operation_gettyAm Wiener AKH hat man eine Substanz untersucht, die Epilepsie-Anfälle unterdrücken kann. Zudem gibt es eine neuartige Operation.

Magnet-Encephalogramm:
Gemessen werden kleinste Magnet­felder, die im Gehirn erzeugt werden. So kann man ermitteln, woher eine Aktivität kommt.
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, die Anfälle entstehen durch eine plötzlich extreme Aktivitätssteigerung von Nervenzellen, vergleichbar mit einem „Gewitter im Gehirn". In Österreich gibt es schätzungsweise 65.000 Patienten.
„Es erkranken sicherlich wesentlich mehr Menschen daran, aber bei etlichen heilt die Krankheit zumindest teilweise von selbst wieder aus", weiß Univ.-Prof. Dr. Christoph Baumgartner von der Wiener Universitätsklinik für Neurologie, Abteilung für Klinische Epilepsie-Forschung.
Die Krankheit, deren Symptome von abnormen Empfindungen über starke Krämpfe bis zum völligen Kontrollverlust reichen, ist mit einem starken Stigma besetzt. „Wenn man offen darüber spricht, gibt es plötzlich viele Leute, die berichten, sie würden auch darunter leiden", erzählt Baumgartner. Zu den häufigsten Formen dieser Erkrankung gehören die mediale Schläfenlappen-Epilepsie (Zellverlust im medialen Schläfenlappen; dadurch kommt es zu einer anderen Verschaltung der Nervenzellen) und die kortikale Dysplasie (eine Störung der Hirnrinden-Architektur, die bereits beim Embryo in der siebenten bis 20. Schwangerschaftswoche entsteht). 

Neuerkrankungen treten vor allem im Kindesalter auf, ein zweiter Gipfel stellt sich dann ab dem 60. Lebensjahr ein. „Es dürften doch sehr viele genetische Faktoren eine Rolle spielen", meint Baumgartner, der mit seinem Kollegen Prof. Dr. Fritz Zimprich der Frage nachgegangen ist, welche endogenen Substanzen einen epileptischen Anfall unterdrücken oder fördern können. „Dabei haben wir den Botenstoff Dynorphin untersucht, der Anfälle unterdrücken kann. Wir haben entdeckt, dass Dynorphin bei vielen, schwer behandelbaren Patienten auf Grund eines von uns nachgewiesenen genetischen Defekts mangelhaft produziert wird." An einer therapeutischen Umsetzung dieser Ergebnisse werde gearbeitet. Im Brennpunkt der Forschungen steht zudem die Anfalls-Vorhersage. „Ein großes Problem für die Be­troffenen ist es ja, dass sie nie wissen, wann ein Anfall kommt. Nur ein Drittel der Patienten hat zuvor eine Aura und kann sich in, sichere Position` begeben. Die anderen werden von so einem Anfall vollkommen überrascht." Das brächte natürlich auch erhebliche Schwierigkeiten im Job mit sich. Der Anfall selbst kann einige Sekunden bis mehrere Minuten dauern, nach einem großen Anfall ist der Patient oft bis zu einer Stunde verwirrt und/ oder erschöpft.
Die Anfallshäufigkeit variiert von einige Male im Monat bis mehrere Male täglich.
Baumgartner: „Für eine verlässliche Anfallsvorhersage müssen Elek­troden ins Gehirn implantiert werden. Das wird derzeit nur bei diagnostischer Abklärung vor einem epilepsie-chirurgischen Eingriff durchgeführt. Aber ich glaube, dass das in Zukunft eine gute Möglichkeit für eine größere Anzahl von Betroffenen wäre." Entsprechende Studien seien im Gange. Etwa von 50 bis 60 Prozent der Epilepsie-Erkrankungen seien medi­kamentös gut behandelbar. „Die neuen Medikamente sind wesentlich besser verträglich als die alte Gener­ation.
Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder kognitive Störungen treten kaum mehr auf. " Einem Teil der Patienten, die auf Tabletten nicht ansprechen, könne man mittels Operation helfen. „Dabei wird der Teil im Hirn, der die Anfälle auslöst entfernt." Sofern man diesen Teil ausfindig machen kann.
Früher habe man größere Gehirnteile eliminiert und dadurch mitunter neurologische Schäden verursacht. Aber man habe gelernt, selektiver zu operieren. Das bedeutet zunächst, dass Patienten genauer ausgewählt werden.
Zum anderen sind Messverfahren wesentlich verfeinert worden, auch durch die Neuronavigation könne man immer selektiver arbeiten, immer kleinere Areale heraus schneiden. Schwer operabel sind unter anderem Patienten, bei denen der Anfallsherd im Bereich der Motorik oder Sprache im Gehirn liegt.
Für letztere Problemfälle gibt es jetzt eine neuartige Operation: „Wir operieren teilweise in Lokalanästhesie und machen während des Eingriffes ein sogenanntes intraoperatives Sprachmapping. Dabei wird die Hirnrinde am wachen Patienten stimuliert. So kann das Sprachareal millimetergenau abgegrenzt, dadurch können postoperative Sprachstör­ungen vermieden werden", berichtet der Experte.
Nach einer Operation seien mehr als 80 Prozent der Patienten zwar wieder anfallsfrei. aber viele müssten ein Leben ohne Anfälle erst wieder erlernen.
Baumgartner: „Daher betreut eine Sozialarbeiterin die Betroffenen. Es wird unter anderem analysiert, wie der Einzelne wieder in den Beruf reintegriert werden kann. Auch für Angehörige gibt es spezielle Kurse. „Das Projekt gibt es seit zirka einem Jahr, wir haben damit sehr gute Erfahrungen." Lehrreiche Erfahr­ungen könne man bei der Erforsch­ung der Epilepsie machen, „die Epilepsie ist eine Modellerkrankung zur Erforschung von Gedächtnis, Emotion, Sprache und anderer höherer Hirnfunktionen."
 
Claudia Richter, Die Presse 2004




Bookmark and Share

© 2012 by Epilepsie Dachverband Österreich - Tel/Fax: 0043 1 489 52 78 - e-mail: office@epilepsie.at - Büro: Wichtelgasse 55/17-20, A-1170 Wien