Chancen auf Enttabuisierung

[aus ZAK 19] Der Epilepsie haftet immer noch ein Stigma an. Dabei ist sie gut heilbar; sowohl medikamentöse wie chirurgische Verfahren werden laufend verbessert. Allerdings sollen die Patienten auch psychologisch begleitet werden.

Epilepsien sind organische Erkrankungen des Gehirns, die sich durch wiederholte Anfälle äußern. Epileptische Anfälle entstehen durch eine plötzliche extreme Aktivitätssteigerung von Nervenzellen, entsprechend einem Gewitter oder Kurzschluß im Gehirn. Sie können sehr verschieden aussehen, wobei das Erscheinungsbild von der Funktion der betroffenen Gehirnregion abhängt. Es kann zu Veränderungen der Wahrnehmung (aufsteigendes Gefühl aus der Magengegend, unbegründetes Angstgefühl, Vertrautheits – oder Fremdheitsgefühl) kommen, zu einseitigen Zukkungen des Gesichts, eines Armes oder Beines bei erhaltenem Bewußtsein, zu einer Verdämmerung des Bewußtseins verbunden mit merkwürdigen Verhaltensweisen (Nesteln, Schmatzen, Kaubewegungen), von denen der Betroffene nichts weiß, und schließlich zu generalisierten Krampfanfällen mit Bewußtlosigkeit, Sturz, Verkrampfung am ganzen Körper, Zuckungen der Arme und Beine und einem nachfolgenden Erschöpfungs – oder Verwirrtheitszustand.

Da die Anfälle in jeder Lebenssituation und oft ohne Vorwarnung auftreten können, ist die Epilepsie auch heute noch – völlig zu Unrecht – eine sehr starke Erkrankung. Tatsächlich ist die Hirnfunktion zwischen den Anfällen zumeist völlig normal. Die Anfälle können einerseits im Rahmen einer epileptischen Erkrankung auftreten, andererseits können bei prädisponierten Individuen aber auch durch entsprechende Auslösefaktoren (hohes Fieber, Schlafentzug, exzessiver Alkoholgenuß, etc.) auch sog. Gelegenheitsanfälle auftreten. Mit einer Prävalenz von einem Prozent ist die Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen; in Österreich leiden ca. 80.000 Menschen an ihr.

Es kann angenommen werden, daß mindestens 5 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall erleiden. Epilepsien können durch eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen, nämlich Geburtsschäden, schwere Fieberkrämpfe, Hirnhautentzündungen, Hirnverletzungen, Tumore oder Schlaganfälle (symptomatische Epilepsien) oder aber durch eine genetisch bedingte erhöhte Anfallsbereitschaft (idiopathische Epilepsien) hervorgerufen werden.

EEGDie optimale Epilepsietherapie setzt eine sorgfältige Diagnostik voraus, die sich auf eine exakte Anamneseerhebung incl. Anfallsbeschreibung durch Angehörige, auf das Elektroencephalogramm (EEG), in dem in die elektrischen Hirnströme abgeleitet werden, und schließlich auf die hochauflösende Magnetresonanztomographie stützt, mittels der auch kleinste Veränderungen, wie z.B. umschriebene Störungen der Architektur der Hirnrinde oder kleine Narben als mögliche Ursache der Anfälle nachgewiesen werden können.

Die neuesten Entwicklungen der Diagnostik wurden in einem Artikel in der Wissenschaftsbeilage vom 23. Oktober 1998 erörtert. Die Therapie der Epilepsie erfolgt mit Medikamenten, sog. Antiepileptika, die durch einen stabilisierenden Einfluß an den Nervenzellmembranen oder im Neurotransmitter – Stoffwechsel angreifen. Das Ziel der medikamentösen Epilepsietherapie ist dabei die Anfallsfreiheit bei fehlenden oder minimalen Nebenwirkungen.
In den letzten Jahren konnten durch die Entwicklung neuer Antiepileptika wesentliche Fortschritte erzielt werden, wobei insbesondere Nebenwirkungen, wie z.B. Müdigkeit und Schwindel, weniger oft auftreten. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht von einer „unheilbaren Erkrankung“ besitzt die Epilepsie einen relativ günstigen Spontanverlauf.

So können 60 bis 70 Prozent aller Patienten erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden, wobei in vielen Fällen diese langfristig auch abgesetzt werden können. Bei ca. 20 Prozent aller Patienten ist jedoch keine befriedigende Einstellung mit Medikamenten möglich. Falls bei diesen Patienten die Lokalisation derjenigen Hirnregion, von der die Anfälle ihren Ausgang nehmen, gelingt, kann durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff, bei dem das betreffende Hirnareal entfernt wird, eine Heilung erreicht werden.

In Österreich leben ca. 6.000 Patienten, die von einer derartigen Operation profitieren können. Die Epilepsiechirurgie hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Durchbruch erlebt, da die technischen Möglichkeiten der präoperativen Diagnostik und der operativen Therapie (Mikroneurochirurgie, selektive Operationstechniken, Neuronavigationssysteme) entscheidend verbessert werden konnten. Die Epilepsietherapie umfaßt jedoch mehr als die bloße Anfallskontrolle, so muß auch den psychischen Probleme der Patienten im Umgang mit ihrer Erkrankung (z.B. Unvorhersehbarkeit der Anfälle und der damit verbundenen Angst) und den sozialen Schwierigkeiten Rechnung getragen werden. Nur so können die medizinischen Fortschritte auch in eine entsprechende Verbesserung der Lebenssituation der betroffenen Patienten umgesetzt werden.

Es ist zu hoffen, dass die Probleme der Epilepsiekranken auch einer breiten Allgemeinheit nahegebracht werden können, dass die Epilepsie weiter enttabuisiert wird, unberechtigte Vorurteile weiter abgebaut werden und somit ein Beitrag zur beruflichen und sozialen Integration der Patienten geleistet werden kann.

Univ. Prof. Dr. DI. Christoph Baumgartner